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Themen, die uns bewegen, möchten wir tiefer beleuchten. Dazu suchen wir nach Menschen, die sich in der Vielzahl der Informationen wirklich gut auskennen und uns eine neue Sicht der Dinge lehren können. Dazu passen MINT Themen oder aber auch Themen, die ein bisschen über den Tellerrand hinaus blicken.

Wie können Mädchen und Jungen für Technik begeistert werden? Muss man geschlechtsspezifisch fördern, um erfolgreich zu sein?
Kurzweilig berichtet dazu Dipl.-Wirtsch.-Ing. Pia Gawlik-Rau.

Dipl. Wirt.-Ing. Pia Gawlik-Rau ist seit Mai 2011 die 1. weibliche Vorsitzende des VDI Bezirksverein Schwarzwald e.V.

Sie möchte Kinder und Jugendliche für Technik interessieren und für technische Berufe begeistern. Mit ihren Roboterworkshops stärkt sie das Selbstvertrauen der Mädchen und Jungen in die eigenen technischen Fähigkeiten. Wie sich Mädchen und Jungs für technische Berufe begeistern lassen, erzählt sie uns im folgenden Interview.
Was wollen Sie durch Ihre Roboterworkshops bewirken, die speziell auf die Zielgruppe Hauptschüler ausgerichtet sind?

Wir wollen Jugendlichen und vor allem Mädchen die Möglichkeit geben Technik zu erleben. Durch kleine Arbeitspakete haben die Mädchen und Jungen schnell Erfolgserlebnisse. So wächst das Selbstvertrauen und das Zutrauen in die eigenen technischen Fähigkeiten. Viele Kinder haben in ihrem Umfeld überhaupt keine Chance, Technik kennenzulernen. In den Workshops versuchen wir auf die Kinder und Jugendlichen einzugehen und jeden zu seinem eigenen Ziel zu begleiten.
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels brauchen wir verstärkt Nachwuchs für Ingenieurstudiengänge und vor allem auch in den technischen Ausbildungsberufen. Hier versuchen die Roboterworkshops einen Beitrag zu leisten. Und wenn die Schülerinnen und Schüler die Pause durcharbeiten wollen und begeistert „es funktioniert“ ausrufen, dann sind wir auf dem richten Weg. 
Warum haben Sie sich als Frau dem Thema gewidmet?
Weil es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Mädchen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) studieren oder technische Ausbildungsberufe erlernen. Ich bin ein MINT Role Model, habe also eine Vorbildrolle. Ich möchte zeigen, dass Technik Spaß macht. Gleichzeitig erleben die Jugendlichen, dass ich als Wirtschaftsingenieurin genauso ein Mensch bin wie jeder anderen, dass man mich anfassen kann. Das kommt als Frau natürlich authentisch rüber. Ganz wichtig ist jedoch, dass wir Mädchen UND Jungs für die Technik brauchen.

Wer ist interessierter bzw. aktiver bei Ihren Workshops dabei?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich meine zwei Tendenzen wahrzunehmen. Jedoch ist dies nur meine subjektive Wahrnehmung, es ist also nicht evaluiert. Mädels sind häufig zurückhaltender in ihren Äußerungen. Dafür arbeiten sie zielgerichtet an den Lösungen. Wenn dann das Selbstvertrauen gestärkt ist, legen sie richtig los. Jungs kommen schnell mit tollen Ideen, was man tun könnte. Es bleibt dann häufig beim Konjunktiv. Sie versuchen die Grundlagen zu überspringen, die die Voraussetzungen für Lösungen wären. So hapert es manchmal an der Umsetzung.
Ganz interessant finde ich folgende Beobachtung: die Schülerinnen und Schüler arbeiten in Zweierteams und dort kristallisiert sich sehr schnell heraus, wer für das Bauen und Konstruieren und wer für das Programmieren zuständig ist. Und das ist völlig unabhängig vom Geschlecht!

Wir erkennen bei unseren Wettbewerben einen „Jungsüberschuß“, was ist Ihrer Meinung nach der Grund?

Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben:
1. In einem eher traditionell geprägten Umfeld ist es nicht üblich, dass sich Mädchen mit Technik beschäftigen. Ich wohne derzeit einer eher ländlich geprägten Gegend, da sehe ich das. In Städten sieht das anders aus.
2. Damit fehlen dann häufig die Vorbilder. Kinder und Jugendliche werden einerseits stark von ihrem Elternhaus geprägt und andererseits natürlich von den Peer Groups. Wenn es da keine Vorbilder oder Unterstützung gibt, wird sich ein Mädchen schwer tun, sich in der Technik zu engagieren.
3. Die unterschiedliche Herangehensweise an die Technik kann in gemischten Gruppen ein weiterer Grund sein. Wenn Jungs mit Ideen vorpreschen, lassen sich Mädchen vielleicht einschüchtern. Da sie sich nicht auf „ihrem“ angestammten Terrain befinden, kann es da schnell zu Rückziehern kommen. Dies kann man jedoch von außen recht einfach unterstützen, dass beide konstruktiv zusammenarbeiten. Und wir können ja sehen, dass sich mehr und mehr Mädchen für Technik interessieren.

Wie könnte dem entgegengewirkt werden, Ihrer Meinung?

Wir arbeiten bereits auf verschiedenen Ebenen daran, dass sowohl Jungs als auch Mädchen Technik erleben. Zum ersten müssen die Mädchen überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich vorbehaltlos mit Technik zu beschäftigen.
Dann wissen wir aus der Gendersensitiven Didaktik, dass Mädchen anders an Dinge herangehen als Jungen. Mädchen sprechen z.B. eher auf Analogien aus der Biologie an als auf reine technische Aufgabenstellungen. Ich selbst arbeite in meinen Roboterworkshops ganz viel mit Analogien aus der Biologie. Denn gibt es ein besseres Beispiel als die Fledermaus zur Einführung des Ultraschallsensors? Außerdem führe ich Rollen- und Kinderspiele durch. Da kommt dann schon mal die Frage auf: „Was sollen wir denn mit dem Kindergartenspiel?“ Bisher haben sich ausnahmslos alle darauf eingelassen und das Aha-Erlebnis ist groß. Dinge selbst erleben, an sich wahrnehmen und diese Dinge dann 1 zu 1 auf die Roboter zu übertragen, das sind die entscheidenden Schlüsselerlebnisse. Wichtig ist es die Methoden zu kennen, um Mädchen anzusprechen. Das Schöne ist, sie machen Jungs genauso viel Spaß. Wir sehen das z.B. auch bei Studiengängen, die Maschinenbau oder Elektrotechnik heißen. Hier ist das Interesse der Mädchen recht gering, Sobald aber Umwelt, Biologie oder Medizin dabeisteht, also eher Dinge die diesen sozialen Touch haben, dann steigen auf einmal die jungen Frauen ein. Dass dahinter ein i-tupfen gleiches E-Technik Studium steckt, das ist dann zweitrangig.
Wir brauchen dringend Vorbilder für die jungen Menschen. Vorbilder, die erzählen wie wichtig und spannend ein technischer Beruf ist.
Denn dass Mädchen wie Jungen Technik „können“, das wissen wir! Wichtig ist es, den Zugang zu schaffen.

Kontakt:


E-Mail: pia.gawlik-rau@market-ingenieur.de

Web: www.market-ingenieur.de